Erstbesteigung

(Verfasst zum 200-Jahr-Jubiläum der Erstbesteigung des Finsteraarhorns 16. 08. 1812)

Ein Haifisch windet sich, geheimnisvoll und leise,
im Bergmassiv durch Spalten und durch Ritzen
Die schwarze Flosse zieht am Himmel ihre Kreise
Und sucht die Wolkendecke aufzuschlitzen.
 
Es führt noch keine Spur auf diesen Riesenrücken,
kein Finger krallte sich je daran fest,
Das dunkle Dreieck ist ein arges Nest von Tücken,
das selbst den Mutigsten erzittern lässt.
 
Am Flossenansatz dieses finsteren Gesellen
Steigt eine Seilschaft durch die Schattenwand
Drei Winzlinge im Meere der erstarrten Wellen
Stehn mit den Füssen wo noch niemand stand.
 
Das Felsendreieck mag auch noch so drohend sein
Es weist den Weg in die Unendlichkeit,
Drum steigen sie an ihm ins reine Blau hinein
Und horsten ausserhalb von Raum und Zeit.
 
Sie ziehn vorbei an Geistern, die im Firne nisten,
Am Adlerhorst, und sind doch ohne Schwingen,
Die Schwerkraft und die Schwäche gilt‘s zu überlisten
Um aus dem Schatten in das Licht zu dringen.
 
Das Wort, das einst von einem Berg herunterstieg
Es will zurück an seinen Ursprungsort,
Nur die Erhebung schenkt dem Menschengeist den Sieg,
Nur in der Höhe wird der Sinn zum Wort.
 
Dann stehen sie als erste Menschen auf dem Berg
Wo Blitz und Donner mit dem Echo spielen,
Wer über Riesen siegt ist nimmermehr ein Zwerg,
Denn Grösse misst sich an der Anzahl Schwielen.
 
Durch Mühsal wächst der Mensch über sich selbst hinaus
S’ist nicht der Ruhm, der ihn zum Sieger kürt,
Ein Gipfelstürmer schert sich niemals um Applaus
Es zählt allein der Weg, der ihn nach oben führt.
 
Oskar Freysinger

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